geschichten.

ungefiltert. verletzlich. echt.

Ich ging für Stühle und kam mit einer Geschichte zurück

Heute war ich bei einem älteren Herrn hier in der Gegend. Ich hatte auf Ricardo Stühle gesehen – alte Stühle aus dem Grand Hotel Bad Ragaz. Elegant. Mit Geschichte. Die wollte ich ihm abkaufen. So einfache Sachen eigentlich – Stühle anschauen, Preis verhandeln, mitnehmen, fertig.

Aber so läuft es bei mir nie.

Irgendwie entwickelte sich das Gespräch. Wie das eben manchmal ist, wenn man wirklich zuhört und nicht nur „schnell Stühle kaufen und weg“ im Kopf hat. Er erzählte mir, dass er auswandert. Und als ich fragte wohin, sagte er – ganz leicht traurig – „nach Thailand.“

Nicht wegen der Strände. Nicht wegen eines Lebenstraums.

Sondern weil das Leben hier in der Schweiz für ihn nicht mehr möglich ist. Seine Rente – sie reicht nicht mehr. Und dann wurde auch noch das Haus verkauft, in dem er seine Wohnung hat. Mitten im Dorfkern. Es passt wohl nicht mehr ins „moderne Dorfbild“. Vermutlich wird es umgebaut – luxuriöse Wohnungen, schicke Ladenlokale. Die er sich dann sowieso nicht leisten könnte.

Also verkauft er jetzt all sein Hab und Gut und fliegt nach Thailand. Weil hier kein Platz mehr ist für ihn.

 


Das Alphütli

Dann sagte er: „Komm, ich zeig dir noch das Alphütli.“

Ich dachte mir nichts dabei und sagte ja. Dann macht er den Estrichdeckel auf. Ich stand da, etwas verwundert, und dachte: „Wohin willst du mit mir?“ Wir gingen die Estrichleiter hinauf.

Und was sich da zeigte, war einfach nur ein Traum.

Der ganze Dachstock war ausgebaut als komplettes Alphütli. Mit zwei oder drei verschiedenen Räumen. Einer mit einem wahnsinnig gemütlichen Tisch drin. Sogar noch zwei Betten, wie man es wirklich von einer Alphütte her kennt. Da oben hat er für seine Freunde Essen gekocht. Fondue gemacht. Gelebt.

Die Liebe zu den Details. Die Atmosphäre. Das Gefühl von Gemeinschaft, das noch in den Wänden hing.

Das hat mich so berührt.


Warum ich das erzähle

Ich bin mit dieser Geschichte nach Hause gekommen. Lächelnd, aber auch berührt. Und ich habe gemerkt: Das ist, wie ich durchs Leben gehe.

Ich kann nicht „nur schnell Stühle kaufen“. Ich kann nicht einfach funktionieren und Dinge abarbeiten. Wenn ich einem Menschen begegne, dann öffnet sich etwas. Dann höre ich zu. Dann sehe ich die Geschichte hinter den Stühlen.

Das ist mein Projektor-Sein.

Andere würden sagen: „Effizienz. Zeit ist Geld. Stühle kaufen, fertig.“

Aber ich komme mit Geschichten nach Hause. Mit Begegnungen. Mit Menschen, die mir ihr Alphütli zeigen – ihr Heiligtum, ihren Traum – weil sie spüren, dass ich sie sehe.


Das Geschenk und die Last

Manchmal ist das anstrengend. Ich nehme so viel auf. Ich trage so viel mit mir. Die Traurigkeit dieses Mannes, der sein geliebtes Alphütli aufgeben muss. Die Ungerechtigkeit, dass eine Rente nicht reicht und dass Menschen aus ihrem Leben verdrängt werden. Die Schönheit dessen, was er geschaffen hat.

Aber es ist auch meine Gabe.

Geschichten sammeln. Menschen sehen. Berührt werden. Berühren.

Das kann ich nicht abstellen. Und ich will es auch nicht mehr.


Für dich

Vielleicht kennst du das. Du gehst „nur schnell“ irgendwohin. Und kommst mit einer ganzen Welt zurück.

Du bist „ineffizient“. Du „verzettelst dich“. Du „hättest längst fertig sein können“.

Aber du bist auch: Echt. Tief. Verbunden.

Das ist nicht falsch.

Das ist Projektor.


Heute habe ich Stühle gekauft – alte Stühle aus einem Grand Hotel.

Und eine Geschichte bekommen, die unbezahlbar ist.

Ich würde nicht tauschen wollen.